Rudolf Heß - ein Friedensflieger?


Muß es ausgerechnet Rudolf Heß sein?

So fragten einige, als das Thema unseres Treffens am 5. März 2005 bekannt wurde.
Es gab Bedenken. Wer sich mit dem "Stellvertreter des Führers" beschäftige, der gerate doch schnell in Verdacht, das Dritte Reich verharmlosen zu wollen.
Bei Heß müsse man doch sofort an den Aufmarsch in Wunsiedel denken, wo sich der hartgesottene Teil einer Szene präsentiere, die sich nicht einmal durch mediale Flächen-Bombardements vom Auftritt abhalten läßt.

Heß

- Wer so mit einiger Skepsis dem Thema entgegensah, der wurde durch die Film-Dokumentation von Olaf Rose eines besseren belehrt.
Es ging um neu entdeckte Dokumente und um historische Zusammenhänge, die erst in der letzten Zeit offengelegt werden konnten.
Diese geben Antwort auf Fragen, die bisher sehr kontrovers beurteilt wurden:

1. Warum flog Rudolf Heß im Mai 1941 nach England?

2. Flog er in Hitlers Auftrag?

3. Warum wurde er in Nürnberg verurteilt
und über 40 Jahre in Haft gehalten?

4. Wurde er am Ende gar ermordet?

Die neuen Erkenntnisse sind dem englischen Historiker Martin Allen zu verdanken. Er hat in seinem Buch "Churchills Friedensfalle" nachgewiesen, daß Heß in eine Falle des britischen Geheimdienstes geraten ist, als er versuchte, den Krieg zu beenden und die Selbstzerfleischung Europas zu verhindern.

 

Kampfflieger in einsamer Mission

Heß

Heß war in der Führungsriege des Dritten Reiches der Mann, der für die schwierige Friedensmission die besten Voraussetzungen erfüllte. Er galt in der ausländischen Presse als ein gemäßigter Vertreter des Nationalsozialismus, ein Mann, der weltläufig und feinfühlig zugleich war, der über gute Kontakte nach England verfügte, der vier Sprachen sprach und der als langjähriger Privatsekretär Hitlers so in dessen Pläne eingeweiht war, daß er unmittelbar für Hitler sprechen und Entscheidungen treffen konnte. Zudem konnte er selbst ein Flugzeug steuern und damit heimlich nach England gelangen, um unmittelbar vor Ort zu verhandeln.

Als Kampfflieger des 1. Weltkrieges hatte er außerordentlichen Mut und fliegerisches Können bewiesen, 1934 war er sogar Sieger des Zugspitzfluges. Schon 1940 war er nach Lissabon geflogen, um auf eigene Faust Friedensverhandlungen einzuleiten. Für ihn war es die wichtigste Aufgabe der deutschen Politik, den Frieden wiederherzustellen und angesichts des drohenden Opfergangs von Hunderttausenden, war er bereit, sein Leben für dieses Ziel aufs Spiel zu setzen.

Da die Verhandlungen mit England sich auf unerklärliche Weise in die Länge zogen, faßte Heß den Entschluß, selbst nach England zu fliegen, um die englische Friedensbereitschaft beim Wort zu nehmen. Und weil er niemandem das Risiko zumuten wollte, mit ihm zu fliegen, ließ er nach eigenen Plänen von Prof. Messerschmidt ein Spezialflugzeug anfertigen, das von nur einem Mann gesteuert werden konnte und mit dem er den Flug von Berchtesgaden zu seinen Bekannten Lord Hamilton nach Schottland wagen konnte.

 

Deutschland sucht den Frieden

In England wurde jedoch nicht Heß erwartet, sondern der von Heß entsandte Staatssekretär Bohte, der als Chef der Auslandsdeutschen den Rang eines Gauleiters innehatte. Mit ihm sollten die Möglichkeiten für einen Frieden sondiert werden. Nach einem Dossier des britischen Geheimdienstes gab es damals bereits 16 Friedensinitiativen der Reichsregierung. Alle scheiterten an der ablehnenden Haltung der englischen Seite.

Nach anderer Zählung war der von Heß und Prof. Haushofer ausgearbeitete 4-Punkte-Plan bereits der 42. Vorstoß der deutschen Seite. An Friedenswillen mangelte es auf deutscher Seite offenbar nicht. Die Deutschen waren sogar zu erheblichen Opfern bereit.

Haushofer

 

Der "Heß-Haushofer-Plan"

Der Plan von Heß und Haushofer stellte ein schier unglaubliches Entgegenkommmen dar. Er sah folgendes vor:

1. Rückzug der Wehrmacht aus Westeuropa
2. Wiederherstellung Polens
3. Allgemeine Abrüstung in Europa
4. Garantie des britischen Weltreiches.

Mehr konnte England eigentlich nicht verlangen. Aber es lehnte dennoch ab.

 

England: Friedensverhandlungen nur zum Schein

Churchill

Dahinter standen Churchill und die britische Kriegspartei, die sich die Vernichtung der deutschen Macht zum Kriegsziel gesetzt hatte, und die jeden Verständigungsfrieden und die damit verbundene Anerkennung Deutschlands als Niederlage ansah.
Diese Kriegspartei, die über weitreichende internationale Verbindungen verfügte, setzte auf ein Eingreifen der Sowjetunion und der USA, um Deutschland vollständig niederzuringen und zu besetzen.
In den Mitteln dazu war man nicht wählerisch.

Der britische Geheimdienst war angewiesen, nur zum Schein Friedensverhandlungen zu führen, um den Gegner in die Irre zu führen und jeden unerwünschten Friedensvorstoß zu vereiteln. Auch die Kriegsgegner in England schaltete man mit brutalen Mitteln aus. In Noburn Abbey, wo der britische Geheimdienst sein Hauptquatier hatte, wurden später bei Erdarbeiten zufällig die Leichen von vierhundert Ermordeten gefunden, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist.

 

Absturz über Schottland

England führte die Friedensgespräche nur zum Schein, und um das Verwirrspiel auf die Spitze zun treiben, sollte ein deutscher Abgesandter in Schottland landen. Heß, der die Verhandlungen im Hintergrund geführt hatte, entschloß sich deshalb selbst zu fliegen, um das unötige Hin und Her von Vorschlägen und Rückfragen abzukürzen und zu einer schnellen Lösung zu kommen.

Heß-Pilot

 

Als sich kurz vor der Landung in Schottland herausstellte, daß der "Stellvertreter des Führers" selbst im Anflug war, sah Churchills Geheimdienst seine ganze Friedensverhinderungs-Strategie in Gefahr. Man schaltete blitzschnell um. Die Positionsleuchten des Flugfeldes wurden abgeschaltet, das Flugzeug irrte am nächtlichen Himmel über Schottland umher, der Treibstoff ging aus und Heß konnte sich nur mit dem Fallschirm retten. Das Flugzeug zerschellte am Boden, und der Geheimdienst seiner Majestät glaubte das Problem des unerwünschten Friedensboten damit endgültig gelöst zu haben.

Aber Heß hatte diesen ersten britischen Mordversuch überlebt, wurde von der englischen Heimwehr gefunden und auf Betreiben des Geheimdienstes als "Kriegsgefangener" festgenommen.

 

Frieden "im Auftrag des Führers"

Hitler, der sich mit Heß vor dem Flug mehrfach beraten hatte und der offenbar im Bezug auf den englischen Friedenswillen und die Chancen einer Friedensmission skeptisch war, versuchte nach dem Scheitern des Heß fluges die Angelegenheit auf kleiner Flamme zu halten. Der Heß-Flug nach England sei eine verrückte Idee eines einzelnen gewesen, hieß es in der deutschen Presse. Hitler sah sich in seiner Überzeugung bestätigt, daß England um keinen Preis Frieden wollte, und daß alle Versuche in dieser Richtung sinnlos waren.

Insgeheim gab er Anweisung, einen Befreiungsversuch für Heß zu unternehmen, ließ einige Spezialagenten dafür ausbilden und bei einem fingierten Bomberangriff in der Nähe des Aufenthaltsortes von Heß absetzen. Das Kommando-Unternehmen scheiterte, die Agenten wurden verhaftet, in den Tower von London gesperrt und, als sie sich weigerten für die Engländer zu arbeiten, von Churchills Leuten einfach umgelegt.
Bild rechts: Wrack des Flugzeugs von Rudolf Heß

Heß-Absturz

 

Hitler fürchtete, daß die Briten seinen engsten Vertrauten unter Drogen setzen würden und ihn dazu benutzen könnten, gegen Deutschland öffentlich aufzutreten. Aber Heß schwieg. Und Hitler schwieg ebenfalls. Nur einmal, als er noch im April 1945 von einem Frieden träumte, kam er beiläufig auf die zukünftige Rolle von Heß zu sprechen:  Nach der Befreiung aus der englischen Gefangenschaft wollte er ihn in allen Ehren wieder in seine Ãmter einsetzen.

Schauprozeß in Nürnberg 

Mit den anderen Überlebenden Größen des Dritten Reiches wurde Heß in Nürnberg verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, sich an der Vorbereitung eines Angriffskrieges beteiligt zu haben. Dokumente, die sich auf seinen Englandflug bezogen, wurden vor Gericht nicht zugelassen. Diese verschwanden zunächst für 50 Jahre in den britischen Archiven. Auch danach wurden sie noch einmal für weitere 25 Jahre gesperrt. Ein Ende dieser Geheimhaltung ist selbst heute nicht abzusehen. Heß nahm in Nürnberg eine Haltung ein, die ja nach Sichtweise als standhaft oder unbelehrbar bezeichnet wird. Berühmt ist seine Schlußrede vor dem Sieger-Tribunal, die mit den Worten beginnt: Wenn ich noch einmal am Anfang stünde... und die endet: er spricht mich frei. 

 

Einzelhaft in Spandau

Heß wurde nicht freigesprochen.
Churchill erhielt 1954 den Nobelpreis für sein Werk über den 2. Weltkrieg.
Heß wurde 46 Jahre lang - bis in sein 94. Lebensjahr im Jahre 1987 - von den Engländern gefangen gehalten. Schließlich war er der einzige Gefangene im sog. "Kriegs-Verbrecher"- Gefängnis von Spandau, und seine Rund-um-die-Uhr-Bewachung war das klägliche Symbol der sog. "Viermächte-Verantwortung für Deutschland". Die letzen 21 Jahre verbrachte er sogar unter den Bedingungen der Isolationshaft, die heute allgemein von Menschenrechts-Organisationen als Folter verurteilt wird. Damit er niemanden hatte, sich zu unterhalten, wurde bei der Ausschreibung für einen Sanitäterstelle eine Person gesucht, die weder Deutsch noch Englisch sprechen konnte.

Man fand einen Tunesier, der zum einzigen Zeugen der letzten Ereignisse in Spandau werden sollte. Vergessen hatten seine Bewacher jedoch, daß Heß in Alexandria geboren wurde und perfekt Arabisch sprach.

Spandau

Der Tunesier war für viele Jahre der einzige Mensch, mit dem Heß sprechen konnte. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, er konnte sich kaum noch bewegen, zum Essen mußte man ihm den Löffel in die Hand legen, weil er nicht mehr greifen konnte. Dennoch wurden alle Entlassungsgesuche abgelehnt.

 

Der einsame Tod eines wehrlosen alten Mannes

Eines Tages jedoch im Jahre 1987, es war kurz bevor Leitung des Gefängnisses turnusmäßig von den Briten an die Sowjets überging, und kurz nachdem aus Gorbatschows Umgebung Überlegungen zu einer Haftentlassung bekannt geworden waren, Überstürzten sich die Ereignisse in Spandau.

Der tunesische Sanitäter wurde zu Heß gerufen, aber dann doch nicht vorgelassen. Als er auf Umwegen bis zu Heß gelangte, fand er zwei Angehörige des Geheimdienstes ihrer britischen Majestät neben der Leiche des alten Mannes, die sich zynisch über den Tod von Heß Äußerten und, so der Tunesier, "wie die Mörder darstanden". Der Sanitäter wurde von englischen Offizieren mitgenommen und peinlich verhört, ob er irgendetwas mitbekommen habe, er wurde mit dem Tode bedroht, falls er plaudern sollte. Im Nebenraum herrschte freudige Stimmmung, die Gentleman ihrer Majestät stießen mit Champagner auf einen großen Sieg an.

In den nächsten Tagen wurde in der Presse behauptet, Heß habe sich selbst in seiner Zelle erhängt. Alle Indizien sprachen jedoch dagegen. Ein alter Mann, der nicht einmal seinen Löffel aufheben konnte, konnte sich wohl kaum einen Strick knöpfen, meinte später der Tunesier.
Auch der Sohn von Rudolf Heß hat den natürlichen Tod seines Vaters immer bestritten.
Bild rechts: Rudolf Heß 1946 nach 5 Jahren in englischer Haft

Heß_alt

 

Vor deutschen Gerichten konnte er jedoch keine Mordanklage erheben, weil diese aufgrund der "alliierten Rechte" nicht zuständig sind. ---

Man mag es ablehnen, das Schicksal von Rudolf Heß als einzelnem Menschen jenseits aller Ideologie in den Blick zu nehmen. Man mag ihm jede humanitäre Betroffenheit verweigern. Nachdenklich aber macht die Tatsache, daß dieser ganze Weltkrieg mit seinen Millionen von Toten, mit dem Mord an Millionen von unschuldigen Frauen und Kindern und auch mit seinem Ergebnis: der Zerschlagung Deutschlands - nicht abgelaufen wäre, wenn es Rudolf Heß gelungen wäre, die Kriegsmaschinerie zu stoppen.

Die Ehre, dies versucht zu haben, kann ihm keiner nehmen.

 
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Rudolf Heß in Wikipedia