Im Jahre 2033 nach dem Frieden von Hollywood:

Es herrscht Diktatur und keiner merkt´s

Wir schreiben das Jahr 2033.

Nach der großen Medienrevolution von 2017 mit dem Verbot des Privatbesitzes an Massenbeeinflussungsmitteln, kurz Medien genannt, und nach dem Frieden von Hollywood mit dem Abkommen über die Vereinheitlichung der Weltmeinung besteht ein weltweiter Bandenkrieg gegen die Herrschaft der Medien. Die als Mediokratie gepriesene "höchste Form der Demokratie" wird von ihren Gegnern als Zwangskollektivierung des Bewußtseins denunziert und mit immer schärferen Methoden bekämpft.

Die heimliche Demontage eines Sendemastes der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten in der Nähe von Frankfurt am Main ist der bisherige Höhepunkt der Aktionen von fanatischen Mediengegnern, die sich unter dem Dach der M.A.F., "Medienaktion Frankfurt", organisiert haben.

"Mediendiktatur ist Zwangs-Kollektivierung des Bewußtseins"

Nach einer Woge weltweiter Empörungüber die Schandtaten der Anti-Medien-Opposition hat Jerry Prawdinsky Jun., kurz Jay Jay (JJ), Chairman des Aufsichtsrats der Trans Atlantic Channel Company (TACC) und Vorsitzender des Zentralrats der Medienkonzerne, einige seiner lokalen Statthalter zu einer Krisensitzung nach New York einbestellt. Im 17. Stock des Rockefeller Centers sitzen vor ihm die Vertreter des Funkhauses Rhein-Oder, das für die Versorgung der ehemals deutschsprachigen Gebiete zuständig ist. Karl-Eduard von Hedsbarz - von seinen Freunden Heds genannt - und Christiane Sabbynsen, kurz Sabby, die beliebte Chefsprecherin der Happy Late Night Horrorshow im ersten Programm, machen aus ihrer Betroffenheit keinen Hehl. Vor ihnen liegt der neueste Bericht der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) über die Verstöße gegen die Regeln der freien Meinungsäußerung. Hiernach nehmen unkorrektes Denken und falsche Meinungen in erschreckendem Maße zu, die Einschaltquoten der TACC sind allein im Sendegebiet des WDR um 34 Prozent gefallen. Der Blick des Chairmans ist düster, Heds und Sabby starren schuldsuchend zu Boden.

 

Jay Jay:

Wie konnte das passieren? Haben in den Funkhäusern denn alle geschlafen?

Heds:

Wir haben gekämpft. Immer wieder haben wir neues Material an die Nachrichtenfront geworfen, immer härter haben wir die Andersdenkenden attackiert. Wir haben sie zum Abschaum der Menschheit erklärt, wir haben dazu aufgerufen, sie mit Stumpf und Stiel auszurotten, - aber wir kriegen die Andersdenkenden nicht kaputt. JJ: Was heißt denn "die Andersdenkenden"?

Sabby:

Das ist eine Art von Dissidenten in der falschen Richtung. Ob rechts oder links, ob christlich oder national, Ökologen oder Regionalisten, allen ist nur eines gemeinsam: sie verweigern sich der Herrschaft unserer Medien, sie kaufen uns unsere Wahrheiten einfach nicht mehr ab.

JJ:

Na und? Im stillen Kämmerlein kann doch jeder so viel Andersdenken wie er will.

Heds:

Es bleibt doch nicht dabei! Sie behalten ihre falschen Meinungen ja nicht für sich, mit kleinen geheimen Funkstationen blasen sie ihre Ideen ins Land hinaus. Und immer mehr einfache Leute fallen darauf rein und schalten unser Programm einfach ab.

Immer höhere Dämme kanalisieren die öffentliche Meinung

JJ:

Sie verfügen doch über das gesamte Kabelnetz zwischen Köln und Berlin, alle Nachrichten-Agenturen werden von der TACC kontrolliert, alles, was die Zeitungen verbreiten, ist vorsortiert. Und sie schaffen es nicht, ein paar Piratensender mundtot zu machen?

Heds:

Dear Chairman - seit dem Beginn des Medienkrieges sind jetzt 6 Jahre vergangen, und wir haben Jahr um Jahr unsere Einsätze verstärkt. Superflache Gameshows, brühwarmer Perversitäten-Talk, eiskalte Katastrophen-Reality und flächendeckende Infotainment-Bombardements haben nichts bewirkt.

JJ:

Wenn Verführung nicht fruchtet, dann muß man die Einsicht eben anders herbeiführen.

Sabby:

Wir haben die Andis, so nennen sich diese Alternativ-Denker auch, moralisch geächtet, über ihnen die ganzen Mistkübel der Vergangenheit ausgeschüttet, jede ihrer Äußerungen mit der Schandtat irgendeines Verrückten geschickt in Szene gesetzt.

"Wer anders denkt, ist ein Verbrecher!"

Heds:

Damit haben wir den Meinungsstrom eine Zeitlang vollständig unter unserer Kontrolle halten können. Aber dabei hat sich unendlich viel Ungesagtes aufgestaut. Immer neue Dämme waren zur Kanalisierung der öffentlichen Meinung notwendig und nach jeder Erhöhung der Dammkrone bricht unser Festungswerk an einer anderen Stelle.

Sabby:

Seit dem 3. Kriegsjahr haben wir das Totale Fernsehen erklärt, die Massen haben mit einem millionenfachen "Ja" uns zugejubelt. Niemand kann unserer Propaganda jetzt entrinnen, in Schulen und Betrieben herrscht Fernsehpflicht. Aber dennoch - immer mehr Leute lassen zuhause die Rolläden herunter und hören einfach die Feindsender. Und die predigen: Fernsehen, das ist - mentale Enteignung des Menschen, totalitäre Manipulation zu Frohsinn und Schwachsinn, Gleichschaltung der Welt durch eine Clique von Medienkonzernen, die die Kultur der Völker wie eine Ramschware verschachern.

JJ:

Sie müssen diese Andis moralisch Ächten. Hämmern sie den Leuten ein: Die Andersdenkenden sind minderwertig, verrückt und krank. Sie müssen sie Überall ausgrenzen, sozial deklassieren, zu Parias stempeln. Es muß auch dem Dümmsten klar sein: Wer anders denkt, ist ein Verbrecher!

Heds:

Das haben wir getan. Der Hotel- und Gaststättenverband verweigert ihnen die Lokale, der Mieterbund gibt ihnen keine Wohnungen, Verlage verbrennen ihre Bücher, Gewerkschaften, Kirchen und Karnevalsvereine stoßen sie aus, ihre Arbeit verlieren sie bei der geringsten falschen Bewegung. Sabby: Viele sind deshalb untergetaucht, sie verhalten sich vollkommen systemkonform. Bei einem Fehltritt können sie oft nur noch mit halsbrecherischen Loyalitäts-Verrenkungen den Kopf aus der Schlinge ziehen. Unser Problem ist, daß die Andersdenkenden gar nicht so leicht zu erkennen sind.

JJ:

Könnte eine Kennzeichnungspflicht, etwa ein "A" auf der Jacke, das Problem nicht lösen?

"Stasi und Gestapo waren doch Dilettanten"

Heds:

Nein, das wäre ja nur Publicity für unsere Gegner, sie wären als die leidenden Opfer zu erkennen. Den Gefallen tun wir ihnen nicht. Um sie zu vernichten, müssen wir sie ganz anonym halten.

JJ:

Kann man nicht einfach die Gesetze verschärfen?

Sabby:

Das tun wir schon. Wir Überarbeiten den Katalog der verbotenen Meinungen und die Liste der korrekten Formulierungen ja ständig. Immer wieder fallen Falschdenker in Politik, Justiz und Verwaltung unseren Säuberungen zum Opfer. Zur effektiven Verfolgung verfeinern wir unsere Rechtsmittel ständig.

JJ:

Macht denn die Justiz dabei so einfach mit?

Heds:

Widerspenstige Richter werden sofort an den Medienpranger gestellt und standrechtlich mit neuen Aufgaben betreut.

JJ:

Die Gesetzgebung liegt also in den Händen der Medien?

Heds:

Nur zum Teil. Unser Einfluß ist hintergründiger und langfristiger. Die Gesetze sind außerdem nicht alles. Am wirksamsten ist die verfeinerte Interpretation der Verfassung durch die Führer des Medienapparats. Wir sind die Nomenklatura. Wir schaffen praktisch eine neue Verfassung, indem wir die alten Begriffe mit neuem Sinn erfüllen.

JJ:

Ja, mit der Verfassung im Rücken läßt sich prima herrschen.

Heds:

Trotzdem lachen die Andersdenkenden über diesen Schwall von Verboten. Hier lasse die Mediendiktatur endlich ihre Maske fallen - sagen sie. Wo die Zensur der Medien ihre Wirksamkeit verliere, da werde die Freiheit des Denkens mit Polizei und Gerichten niedergemacht. Das erinnere fatal an Hitler und Honecker - tönt es über ihre Sender.

"Wir sind eine Besatzungsmacht in den Köpfen.
 Man sieht uns nicht!"

JJ:

Zensur!
Das ist doch eine veraltete Methode der bürgerlichen Diktatur aus dem letzten Jahrhundert.
Zensur ist doch überflüssig, wenn die Medien selbst die Herrschaft ausüben.

Sabby:

Eine Zensur findet wirklich nicht statt!
Das weiß doch jedes Kind.

JJ:

Keiner kann die Medien mehr kontrollieren.

Sabby:

Aber was geschieht, wenn das Volk, - pardon, dieser veraltete Begriff ist ja seit dem 11.Weltkongreß des Televisionismus gestrichen, - also wenn die Rundfunkteilnehmer die Herrschaft der Medien angreifen?

JJ:

Dann bleiben uns immer noch die Geheimdienste!

Heds:

Deren Interesse haben wir schon auf unsere Gegner gelenkt. Aber solange die Staatsschützer ihre Weisungen nicht von den Medien direkt erhalten, stehen sie nicht im Verruf, die große Tradition von Gestapo, KGB und Stasi bei der Unterdrückung des demokratischen Widerstandes in irgendeiner Form fortzusetzen.

Sabby:

Sie sollten den Staat sogar vor der Diktatur der Medien schätzen. So meinen und hoffen es jedenfalls die Leute von der "Vereinigung der Verfolgten der Mediendiktatur" (VVM).

Heds:

Die alten Diktaturen haben ja bekanntlich ihre Gegner rein physisch aus dem Wege geschafft. Wenn heute den Andersdenkenden nur die Möglichkeit der Meinungsäußerung genommen wird, so zeigt sich darin doch, wie human unsere Mediokratie selbst mit ihren schlimmsten Feinden umgeht.

JJ:

Humanität, das ist das richtige Wort. Die Medien sind der Hort der Humanität. Allein die Medien sind der Garant für den Schutz der Gesellschaft vor jeder Art von Verderben. Sie sind das Gewissen der Welt, die Quelle aller Wahrheit. Wir müssen alles daransetzen, dieses Monopol auf die Wahrheit, besonders auf die historische Wahrheit, für uns zu behalten. Hiermit steht und fällt unsere Macht.

Heds:

Nach den Motto "Die Partei hat immer recht" herrschen die Medien wie Duodezfürsten zu Zeiten des Absolutismus, selbstgefällig und ignorant - so sagen die Andis. Jede Diktatur lege ja höchsten Wert darauf, sich als reinste Ausgeburt der Humanität, des Fortschritts, des Volkswillens oder der Grundwerte ein legitimes Mäntelchen zu verschaffen. Allein aufgrund ihrer Technik sei es jedoch bisher keiner Diktatur so gut gelungen, diesen Glauben zur Staatsreligion zu erheben.

Mit den Marktstrategien von ALDI ... die Welt beherrschen

JJ:

Sie wissen ja, Mediendiktatur ist ein mißverständliches Wort. Aber es ist doch völlig klar: Wir brauchen die strenge Herrschaft der Massenmedien, damit unsere demokratische Zivilisation überleben kann. Die Diktatur des Prole..., Äh..., des Medienapparats, also die Herrschaft von historischer Wahrheit und Humanität, ist nicht nur die Bedingung jeder Demokratie, sie ist die höchste Form der Demokratie selbst. Ich hoffe sie wollen diese demokratische Grundordnung nicht in Frage stellen.

Heds:

Nein, keineswegs. Ich bin ein überzeugter Mediokrat. Ich habe ja schließlich die Hohe Schule der Academy of Leaderschip in Democratic Institutions (ALDI) mit der "Note 1,0" bestanden. Nur die von den Medien inszenierte demokratische Öffentlichkeit kann die Menschheit vor dem Rückfall in archaische Verhaltensmuster retten.

Sabby:

Wir haben die fortschrittlichste Form der Diktatur, die es je gab. In keiner Diktatur vorher ist das Gefühl, beherrscht zu werden, so gering gewesen. In den alten Diktaturen wurden noch alle Leute, die eine andere Meinung zur Politik hatten, einfach einen Kopf kürzer gemacht. Brutal und barbarisch war das!

JJ:

Das schuf bloß offene Wunden, ein Heer von Märtyrern. Und das schuf einen Widerstand, an dem jede richtige Diktatur scheitern mußte. Es ist doch völlig ausreichend, die Andersdenkenden aus der Öffentlichkeit zu verbannen, sie mundtot zu machen.

Heds:

Ja, wir haben aus den Fehlern der Nazis und Stalinisten gelernt. Unser schlichtes Schweigen bedeutet für die Ideen unserer Gegner den Tod bei lebendigem Leibe.

JJ:

Der Tod unserer Gegner allein genügt mir nicht. Erst Verdammung ist der völlige Tod.

Sabby:

Wir haben sie der Lächerlichkeit preisgegeben, sie zu Irren erklärt, sie zu Verbrechern gemacht, die ganze gemeine Wut der Massen gegen sie gelenkt. Auch wenn die Andis voller Verachtung sagen, daß wir nur hetzen und sabbeln, aber mit "Sabbeln und Hetzen" waren wir sehr erfolgreich.

Heds:

Wir haben unsere Gegner medientechnisch enthauptet. Wir haben die Köpfe aus der Welt geschafft, ohne ihnen auch nur ein Haar zu krümmen. Ist das nicht genial?

JJ:

Das ganze System der Mediendiktatur ist genial! Es ist eine Besatzungsmacht in den Köpfen, die die Besetzten gar nicht wahrnehmen können. Es ist die Auflösung des Widerspruchs von Herrschaft und Freiheit, ein endzeitlicher Zustand der Glückseligkeit!

Sabby:

Glückseligkeit durch Verblödung - spotten die Mediengegner, das Prinzip der Medien sei Verführung, mit ihr ende die Epoche der Aufklärung und beginne ein neues Zeitalter der Sklaverei.

Erst wenn keiner mehr was merkt...

JJ:

Ganz im Gegenteil, es beginnt eine herrschaftsfreie Gesellschaft, zumindest ist die Herrschaft einer Gruppe für niemanden mehr erkennbar. Nur so ist doch moderne Diktatur möglich!

Sabby:

Allein die Andersdenkenden durchschauen dieses Spiel. Deshalb sind sie so wahnsinnig gefährlich, gefährlicher als alle Armeen der Welt.

JJ:

Sie bedrohen die Zukunft der Menschheit, wir müssen sie vernichten! Also Frau Sabbynsen, mein lieber Heds, Sie haben eine große Aufgabe vor sich - der Chairman hebt das Glas und Sabby und Heds prosten ihm zu: "Führen Sie das Problem zu einer Lösung. Auf zum letzten Gefecht! Aber bitte keine Methoden von gestern. Sie haben doch Ihr Metier gelernt.

Heds:

Na, klar! Dem Konsum- und Lustbedürfnis der Massen immer auf der Spur, mit den Marktstrategien von ALDI den Weltgeist in der Flasche halten!

JJ:

Sehr richtig: Erst wenn diese Andersdenkenden völlig ausgelöscht sind, wenn unser Herrschen keinen Menschen mehr zum Widerstand verführt, - wenn keiner mehr was merkt, erst dann ist unsere Diktatur perfekt!

 
Lothar Karthaus