Mit Musik und Mode wird die Sprache verdrängt

Killing mieh softli...

Dimitri und ich fahren über die Oderbrücke bei Frankfurt. Ich kehre nach zwei Wochen Urlaub in Ostpreußen jetzt nach Hannover zurück. Er will einen Monat lang in Westdeutschland seine Deutschkenntnisse verbessern. Als wir in die BRD einreisen, schalten wir das Radio ein. Dimitri will jetzt einen deutschen Sender hören. Überall Musik. Englische Musik. "Killing mieh softli wis sis song..." singt eine geschmeidige Stimme. "Gibt es keine deutsche Musik?" fragt Dimitri erstaunt. "Kaum" sage ich. "Ich dachte, ich bin im Land von Bach, Beethoven und Mozart" führt Dimitri fort. Wir schalten das Radio aus. Auf der Straße nach Berlin steht ein großes Mercedes-Plakat. Auf Englisch: "Get five for One". Dimitri meint, Daimler und Benz haben das Auto erfunden, sie bauen noch heute die besten Autos der Welt. Warum werben sie dann in Englisch? Sie können mehr Menschen erreichen. Aber werden sie auf Englisch hier im brandenburgischen Hinterland wirklich besser verstanden? Oder gehört Mercedes jetzt den Amerikanern oder denen, die dort das Geld haben? Immer mehr Plakate kommen. Viele enthalten kein einziges deutsches Wort. In den Zeitungen ist es ähnlich, stellt Dimitri fest. Er kauft eine Jugendzeitschrift und versteht fast nichts. Ich hole mein Englisch-Wörterbuch aus dem Schrank. Was ist ein Trike? Hot wheels indoor karting. Shopping Highlights 4 Kids. "Warum gibt es soviel Englisch ind Deutschland?" fragt Dimitri. Ich zucke mit den Achseln. "The Power of Now. Express Yourself" entziffert Dimitri. "Drücke Dich selbst aus! Selbst. Selbstbewußt sein." Denkt er laut. "Wissen die Deutschen noch, daß sie eine eigene Sprache haben. Eine reiche Sprache, eine Sprache der Dichter und Denker, einen Schatz an Worten. Ein Universum des Geistes, in das wir Russen und viele andere Völker sich zu versenken suchen,, um daraus zu schöpfen, zu lernen. Und ihr verleugnet Eure Sprache. Eure Kinder heißen nicht mehr Helmut und Wolfgang, sondern Kevin und Dennis. Segeln im Internetz und lernen ein Kauderwelsch, das sie den einflüsterungen Eurer neuen Kolonial-Herren hörig macht. Der ganze öffentliche Sprachraum ist besetzt von fremden Worten. Von fremdem Denken. Bis hin zu Post und Telekom, BMW und Mercedes. Die Sprache der Jugend, der Musik, der Lust. Oh, Du armes deutsches Land!". Dimitri ist ganz geknickt. Er will nicht mit zur Serious Dropout Tour oder zum Hellfire Union Rave. Auch geht er nicht mehr gern in Supermärkte, weil er dort immer mit Ami-Musik berieselt wird. Ein Lied hat es ihm dabei besonders angetan. Er sieht es als Symbol an. "Es ist so süß wie der schmerzlose Tod bei sanfter Musik. Es atmet dem Geist von "Jujork und Häppiwood". Der ist "Killing you softly with his songs".